16. Esslinger Ärztetag im Alten Rathaus „Wenn Medizin krank macht“

Veröffentlicht am 15. März 2022

16. Esslinger Ärztetag im Alten Rathaus „Wenn Medizin krank macht“

Bei strahlendem Frühlingswetter fand am 12. März 2022 nun nach zweijähriger Corona-Pause erstmals wieder im Alten Rathaus in Präsenz der jährliche, jetzt 16. Esslinger Ärztetag statt. Niedergelassene und Klinikärzte der Ärzteschaft Esslingen beschäftigten sich durchaus selbstkritisch mit dem Thema „Wenn Medizin krank macht“.
Aus verschiedenen medizinischen Bereichen stellten Referentinnen und Referenten dar, inwiefern eine Überdiagnostik und eine Übertherapie einer gewünschten Heilung im Weg stehen können. Werden zu viele oder ungeeignete Maßnahmen ergriffen, ist es möglich, dass eine Erkrankung nicht richtig erkannt wird oder sich verschlechtert – daher das Motto „Wenn Medizin krank macht“. In dieser ersten Hybrid-Veranstaltung der Ärzteschaft mit 35 Personen vor Ort und weiteren 75 Personen im Netz reflektierte die Ärzteschaft die Sinnhaftigkeit einer Vielzahl von diagnostischen und therapeutischen Maßnahmen.

Dr. Meinikheim begrüßte als Vorsitzender der Kreisärzteschaft Esslingen und führte in das Thema ein. Nicolas Fink (MdL) wies in seinem Grußwort auf den engen Schulterschluss zwischen  Ärzteschaft und Politik, insbesondere bei der Covid-Pandemie, hin.

Der Labormediziner Dr. Alkier zeigte ein Potpourri von wenig aussagekräftigen oder gar irreführenden Labor-Bestimmungen in der Blutgerinnungsdiagnostik und bei Tumormarkern, die
unnötige Maßnahmen zur Folge haben.

Herr Privatdozent Seifarth, Röntgen-Arzt im Klinikum, zeigte sehr eindrücklich, zu welchen weiteren diagnostischen Schritten es kommen kann, wenn bereits die erste Röntgendiagnostik unnötig oder fehlplatziert war.

Aus der Filderklinik zeigte die Chirurgin Frau Prof. Zdichavsky anhand der Beispiele Kniegelenksprothese und Leistenbruch, wie genau befragt und untersucht werden muß und wie sorgfältig die Indikation gestellt werden muss, um eine Übertherapie in der Chirurgie zu vermeiden.

Professor Lipp aus der Zentral-Apotheke des Universitätsklinikums Tübingen nahm Stellung zum Thema Poly-Pharmazie, also der Behandlung mit mehr als fünf – oft mehr als zehn- Medikamenten. Er wies auf richtige Einnahmezeitpunkte und Medikamenten-Interaktionen hin und gab sinnvolle Ratschläge, Poly-Pharmazie zu vermeiden.

Der Kardiologe Prof. Leschke aus dem Klinikum zeigte in seinem Fachgebiet zum einen in der Herzkathetertechnik, zum anderen bei Katheter-Interventionen die Gefahren einer Überdiagnostik und Übertherapie und wies auf das leitliniengerechte Verhalten der untersuchenden Ärzte hin.

Den Festvortrag hielt in diesem Jahr Herr Professor Riessen, Intensivmedizin aus der Universitätsklinik Tübingen zum spannenden Thema „Choosing wisely“. Diese Initiative kam aus den USA, wurde in Deutschland unter „Klug entscheiden“ umgesetzt und gibt sehr pragmatische und sinnvolle Ratschläge an die Hand, welche Untersuchungen und therapeutischen Schritte sinnvollerweise im Sinne des Patientenwohls zu machen sind und welche zu vermeiden sind, insbesondere bei intensivmedizinischen Maßnahmen und am Lebensende. Er wies auch auf die ethischen Entscheidungskriterien im Rahmen der Covid-Pandemie hin, die das Behandlungsteam vor erhebliche Herausforderungen stellt.

Die Geriaterin Frau Dr. Wortha-Weiß zeigte aus der Altersmedizin Fälle der Übertherapie und stellte Vermeidungsstrategien vor.

Herr Privatdozent Koch, Anästhesist und Intensivmediziner am Klinikum, stellte unter der Vision des „schmerzfreien Krankenhauses“ die modernen Konzepte in der Akutschmerz-Behandlung vor, die einerseits darauf zielen, eine Übertherapie zu vermeiden, andererseits jedoch den Patienten möglich schmerzfrei machen sollten.

Zum Komplex des chronischen Schmerzes ergänzte die niedergelassene Schmerztherapeutin Frau Dr. Schleth aus ihrer Praxis heraus wichtige Hinweise zur Vermeidung von Übertherapie.

Abschließend zeigte der Psychosomatiker Herr Dr. Nolting aus dem Klinikum interessante Fälle auf, bei denen durch Selbstdiagnostik eine Somatisierungsstörung auftrat, d.h. Patienten stellten – oft unterstützt durch Dr. Google – an sich vermeintliche Symptome von Krankheiten fest und gerieten dadurch in einen Teufelskreis, der lediglich durch die professionelle Hilfe der  psychosomatischen Medizin wieder aufgelöst werden konnte.

Der niedergelassene Onkologe Dr. Eckert resümierte als Vorsitzender des Fortbildungsvereins, dass bei diesem Ärztetag das selbstkritisch gestellte Thema aus unterschiedlichsten Perspektiven mit praktischen Lösungsansätzen beleuchtet und lebhaft diskutiert wurde.

Der nächste Ärztetag ist 2023 zum Thema „Prävention – die Kunst, im Alter fit zu sein“ geplant.

 

L. Staib, stv. Vorsitzender, Fortbildungsverein der Kreisärzteschaft Esslingen e.V.

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